Mitarbeiter gefunden, Zimmer fehlt
Ivan Burykin · CTO
05. September 2026
Tirols Skigebiete finden durchaus Bewerber. Trotzdem scheitern viele Einstellungen nicht am Job, sondern an der fehlenden Unterkunft. Vor allem kleine Betriebe konkurrieren deshalb längst nicht mehr nur um Personal, sondern auch um bezahlbare Betten.
Wie die Wohnungsnot den Personalmangel in Skigebieten verschärft
Wenn in den Tiroler Wintersportorten die Vorbereitungen für die Saison beginnen, startet auch die Suche nach Personal. Hotels brauchen Köche, Kellnerinnen und Reinigungskräfte. Sportgeschäfte suchen Verkäufer, Skiverleihe erfahrene Techniker, Bergbahnen Kassen- und Liftpersonal. Bewerber lassen sich durchaus finden. Doch häufig scheitert die Einstellung an einer Frage, die mit der eigentlichen Arbeit wenig zu tun hat: Wo soll der neue Mitarbeiter wohnen?
Damit verändert sich auch die Bedeutung des viel zitierten Personalmangels. In zahlreichen Fällen fehlt nicht zuerst die geeignete Arbeitskraft. Es fehlt ein bezahlbares Zimmer in erreichbarer Nähe zum Arbeitsplatz.
Der ideale Bewerber bringt seine Wohnung mit
Für einen kleinen Betrieb ist ein Kandidat aus der Umgebung ein Glücksfall. Er kennt die Region, braucht keine Unterkunft und kann unabhängig von einem Personalhaus anfangen. Nur ist dieser Kreis begrenzt. Die Bevölkerung eines Tales kann den saisonalen Bedarf von Hotels, Gastronomie, Handel, Skischulen, Verleihbetrieben und Bergbahnen nicht allein decken.
Das AMS JobBarometer für Tirol macht diese Abhängigkeit sichtbar. Rund 112.000 Online-Stellenanzeigen wurden 2025 im Bundesland erfasst. Besonders häufig gesucht wurden unter anderem Verkaufskräfte, Restaurantfachleute, Köche, Rezeptionisten, Küchenhilfen und Reinigungspersonal. Zugleich hält das AMS fest, dass zahlreiche Branchen in Tirol, vor allem der Tourismus, ohne Beschäftigte aus dem Ausland kaum aufrechtzuerhalten wären.
Wer außerhalb der Region rekrutiert, muss jedoch mehr als einen Arbeitsplatz anbieten. Ein Saisonjob in Mayrhofen, Sölden oder einem Seitental ist nur dann realistisch, wenn der Beschäftigte dort auch leben kann. Genau an diesem Punkt wird aus einer erfolgreichen Bewerbung eine Absage.
Große Arbeitgeber bauen, kleine suchen
Große Hotels und Bergbahnunternehmen können eigene Mitarbeiterhäuser errichten oder Wohnungen langfristig anmieten. Bei den Bergbahnen Sölden gehören moderne, günstige Personalwohnungen bereits zum Angebot. Hinzu kommen ein kostenloser Werksverkehr zwischen Imst, dem Bahnhof Ötztal und Sölden sowie Unterstützung bei der behördlichen Anmeldung. Die Unterkunft ist hier kein dekorativer Bonus im Stelleninserat, sondern Teil der betrieblichen Infrastruktur. Bergbahnen Sölden: Mitarbeiterbenefits
Für ein Sportgeschäft, einen Skiverleih oder ein kleines Restaurant sieht die Rechnung anders aus. Ein eigenes Personalhaus für drei oder fünf Saisonkräfte ist nicht finanzierbar. Wohnungen am freien Markt sind teuer, selten zum passenden Zeitpunkt verfügbar und oft nur mit längerer Bindung zu bekommen. Dem Betrieb bleibt deshalb häufig nur der Zusatz im Stellenangebot: Unterkunft muss vorhanden sein.
So entsteht ein Wettbewerb, bei dem nicht allein Lohn, Arbeitszeit oder Betriebsklima entscheiden. Gewinnen kann, wer Betten hat.
Was Wohnen im Zillertal kostet
Ein Inhaber eines Sportgeschäfts mit Skiverleih in Mayrhofen berichtet, dass während der Saison bis zu 1.000 Euro für ein Zimmer verlangt werden, das sich drei Beschäftigte teilen. Selbst bei einer Aufteilung auf die Bewohner bleibt es eine Notlösung: Drei Erwachsene leben über Monate auf engem Raum, weil auf dem regulären Markt kaum etwas Passendes zu finden ist.
Aktuelle Mietangebote zeigen, wie eng das Verhältnis zwischen Einkommen und Wohnkosten geworden ist. Anfang September 2026 wurde in Fügen eine 33 Quadratmeter große Wohnung für 730 Euro Gesamtmiete angeboten. Das entspricht 22,12 Euro pro Quadratmeter; Parkplatz und Lagerfläche waren nur optional erhältlich. Mietangebot in Fügen
In Mayrhofen kostete eine 66 Quadratmeter große Dachgeschosswohnung 1.150 Euro monatlich, Strom nicht eingerechnet. Vor dem Einzug waren außerdem 3.000 Euro Kaution fällig. Mietangebot in Mayrhofen
Zum Vergleich: Das kollektivvertragliche Mindestgehalt für Handelsangestellte der Beschäftigungsgruppe C liegt im ersten bis dritten Berufsjahr 2026 bei 2.251 Euro brutto. Bei Seilbahnen beginnt die Lohngruppe A, Stufe 0, bei 2.218 Euro brutto. WKO: Gehaltstafel Handel 2026 · WKO: Lohnordnung Seilbahnen 2026
Die kleine Wohnung in Fügen verschlingt damit schon vor Steuern knapp ein Drittel eines solchen Monatseinkommens. Die Wohnung in Mayrhofen kostet mehr als die Hälfte. Lebensmittel, Strom und der Weg zur Arbeit sind dabei noch nicht bezahlt. Wer nur für einige Monate in die Region kommt, muss zusätzlich eine Kaution aufbringen und Möbel, Vertragsdauer sowie Kündigungsfrist berücksichtigen.
Die eigentliche Attraktivität einer Stelle steht deshalb nicht auf dem Lohnzettel. Entscheidend ist, was nach Abzug der Wohnkosten übrig bleibt. Ein Angebot über 2.400 Euro mit günstigem Zimmer kann wirtschaftlich besser sein als eines über 2.800 Euro ohne Unterkunft.
Viele Betten, aber kaum Platz für Beschäftigte
An Unterkünften mangelt es in Tirol auf den ersten Blick nicht. Für den Sommer 2025 weist die Landesstatistik rund 337.000 touristische Betten aus. Mehr als 81.000 davon entfielen auf private Ferienwohnungen. Im Durchschnitt kamen 43,4 Gästebetten auf 100 Einwohner; in einzelnen Tourismusgemeinden war die Dichte um ein Vielfaches höher. Landesstatistik Tirol: Tourismus im Sommer 2025
Das Problem ist die Nutzung. Ein großer Teil des verfügbaren Wohnraums ist für Gäste bestimmt und wird tage- oder wochenweise vermietet. Für Eigentümer kann das einträglicher und flexibler sein als ein Vertrag mit einer Saisonkraft. Andere Wohnungen sind langfristig vergeben. Dazwischen bleibt nur ein schmaler Markt für Menschen, die vier, fünf oder sechs Monate bleiben und deren Einkommen sich nach einem Kollektivvertrag richtet.
Hier liegt der Widerspruch des Tourismusortes: Er kann Tausende Gäste beherbergen, findet aber kein Zimmer für die Person, die morgens den Skiverleih öffnet, das Frühstück serviert oder die Gondel in Betrieb nimmt.
Unterkunft ist Teil der Vergütung
Arbeitgeber sollten Personalwohnungen deshalb nicht mehr als freiwillige Zusatzleistung betrachten. Wo Wohnraum knapp ist, gehört die Unterkunft zum Vergütungspaket. Auch kleine Unternehmen können das Problem zumindest abfedern. Sie können Zimmer frühzeitig bei privaten Vermietern reservieren, Mietgarantien übernehmen, einen Zuschuss zahlen oder gemeinsam mit anderen Betrieben eine größere Wohnung beziehungsweise ein Haus anmieten.
Ebenso wichtig ist Transparenz. Der Satz „Bei der Wohnungssuche sind wir behilflich“ sagt einem Bewerber wenig. Hilfreicher sind konkrete Angaben: Wo liegt die Unterkunft? Was kostet sie? Wie viele Menschen teilen Küche und Bad? Ist die Gemeinde mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar? Muss eine Kaution bezahlt werden? Und bleibt das Zimmer auch an freien Tagen oder nach dem letzten Arbeitstag verfügbar?
Auf Ebene des Ortes wäre ein gemeinsamer Pool für Mitarbeiterunterkünfte denkbar. Eigentümer könnten dort Zimmer melden, die ausdrücklich für Saisonkräfte vorgesehen sind. Betriebe oder Tourismusverbände würden als verlässliche Vertragspartner auftreten und bei Zahlung, Belegung und Übergabe unterstützen. Für Vermieter sinkt das Risiko, während kleine Unternehmen nicht mehr jedes Zimmer einzeln suchen müssen.
Aus dem Personalproblem wird eine Standortfrage
Ein einzelner Skiverleih kann den Wohnungsmarkt eines Tales nicht verändern. Gemeinden und Tourismusverbände können die Frage aber auch nicht dauerhaft den Arbeitgebern überlassen. Wenn Restaurants ihre Öffnungszeiten kürzen, Hotels Zimmer geschlossen halten oder Geschäfte trotz voller Straßen kein Personal für eine zweite Schicht finden, leidet der gesamte Ort.
Zur touristischen Infrastruktur gehören deshalb nicht nur Lifte, Parkplätze und Gästebetten. Benötigt werden ebenso Grundstücke und Gebäude für Personalhäuser, gemeindeübergreifende Verkehrslösungen sowie ein Bestand an Wohnungen, die nicht ausschließlich dem kurzfristigen Gästemarkt zur Verfügung stehen. Fördermodelle könnten auch Zusammenschlüsse kleiner Betriebe erreichen, statt nur großen Arbeitgebern den Bau eigener Unterkünfte zu ermöglichen.
Die entscheidende Frage für die kommende Saison lautet nicht, ob sich noch hundert Bewerber finden lassen. Sie lautet: Wo sollen diese hundert Menschen wohnen?
Solange darauf keine Antwort existiert, bleibt manche offene Stelle nur eine Anzeige. Ein funktionierendes Skigebiet beginnt eben nicht erst am Lift. Es beginnt bei der Wohnungstür der Menschen, die den Betrieb am Laufen halten.
Vorschlag für die Illustration
Eine redaktionelle Illustration zeigt einen Saisonarbeiter mit Skiern, Arbeitsjacke und Koffer zwischen zwei Türen. Die erste steht offen und ist hell beleuchtet; darüber hängt das Schild „Job frei“. Die zweite ist verschlossen, trägt die Aufschrift „Wohnung“ und ein übergroßes Preisschild von 1.000 Euro. Im Hintergrund leuchtet ein wohlhabender Tiroler Wintersportort mit Hotels, Ferienwohnungen und Bergbahnen. Fast jedes Fenster ist belegt, doch für den Beschäftigten bleibt keine Tür offen.
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